Pressespiegel
Fünf Ws in 14 Wörtern
Zur Sprache der TV-Nachrichten
von Viola Bolduan (Wiesbadener Kurier)
WIESBADEN. Axel Zimmermann nutzt den Luxus gut. Der Nachrichtenredakteur beim ZDF hat eine Stunde lang Zeit, um zu erklären, wie 1,30-Minuten-Sätze gebildet werden. Der in der Praxis alter wie neuer Medien erfahrene Journalist, als Germanist auch Ausbilder in der Spracharbeit des benachbarten TV-Senders war Dienstagabend Gast der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Seriöse, auf wissenschaftliche Erkenntnisse fußende Spracharbeit beim Fernsehen?
Kurz, knapp und klar
Das Drittel der Bevölkerung, das hartnäckig doch gerade die Medien für grassierenden »Sprachverfall« verantwortlich machen will, zuckt zusammen. Die Zuhörerschaft im Literaturhaus aber nicht. Sie war in großer Zahl zum Auftakt des Jahresprogramms des Wiesbadener GfdS-Zweigs gekommen, weil neugierig auch auf das diesjährige Thema »Mediensprache«.
»Kurz, knapp und klar« klingt lapidar, ist aber durchaus eine Zumutung an den Satz, der Inhalt transportiert und gleichzeitig die Beschränkung menschlichen Aufnahmevermögens berücksichtigt. Rezeptionsverhalten zählt für alle Medien – die audiovisuelle Vermittlung hat sich dabei an eine noch kürzere Kette zu legen als die auf Papier gedruckte. Dieser vorangegangene Satz etwa hielte keinem ZDF-Rotstift stand, denn mehr als 14 Wörter in einem Satz sprengen Aufmerksamkeitsgrenzen und laufen also ins Leere.
Der »Küchenzuruf«
Axel Zimmermann spricht über die Bedingungen der verschiedenen Medien, zieht Historie heran, erklärt Praxis beim ZDF: achtet also im eigenen Vortrag auf Abwechslung, die Aufmerksamkeit fördert, und streut amüsante Randbemerkungen ein, die der Unterhaltsamkeit dienen. Seine Folien hätte er nicht gebraucht.
Das gesprochene Wort war interessant: Was kennzeichnet den ebenfalls gesprochenen TV-Nachrichten-Text? Die Möglichkeit, seine Aussage auf »Küchenzuruf« zu komprimieren. Also, dass der Hörer sie noch gebündelter weitergeben kann. Freilich bleiben die berühmten fünf journalistischen Ws (wer, wann, wo, was, wie – auch erweiterbar auf warum und woher) für eine seriöse Nachricht unabdingbar. Auch der kurze Satz muss Konzentration »beim Thema halten«, und seine Sprache sich einfügen in ein Konstrukt von Bild, Grafik, O-Ton. Das will gelernt sein. Axel Zimmermann führt die Komplexität einer audiovisuellen Vereinfachung verständlich und anschaulich vor.
»Synonymwahn und Bindestrichitis« aber stehen als reizvolle Titelworte auf dem Programm! Exempla hierfür hat er wohl mitgebracht, aber als Negativ-Beispiele (dieses Synonym und auch dieser Bindestrich gingen gerade noch durch) eines Meister Lampe in einer Mainmetropole etwa, nahmen sie eher geringen Raum in der Analyse ein. Meist sind sie ohnehin unnötig (und irgendwie auch unfreiwillig komisch). Tautologien, die auf weißen Schimmeln galoppieren wären so tunlichst zu vermeiden wie alle anderen leeren Worthülsen.
Medien, Publikum, Kritik
Das Publikum wusste da so manches mehr noch an Kritik an TV-Mediensprache: »Schlampig, oberflächlich,« hieß es – obwohl Axel Zimmermann sich so viel Zeit genommen hatte, Entstehungsbedingungen und Kontrollmechanismen zu erläutern. »In aller Hektik passieren auch Fehler,« konnte der Praktiker gut und gern zugeben. Dass sie bemerkt werden, spricht für ein wissendes Publikum. Und bevor es meint, es besser als die Medienmacher zu wissen, wird ihm dieses Jahr lang seitens der GfdS Einblick in deren Arbeit geboten.
Erstveröffentlichung dieses Artikels am 27. Januar 2011 im Wiesbadener Kurier.

