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Auflösungen älterer Preisaufgaben

Naturgeschichtliches Alphabet

(Preisaufgabe aus Heft 4-5/2006, S. 102 f.)

Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

Wer, wenn nicht Wilhelm Busch, vermochte ebenso brillant wie prägnant eine ganze Welt an existenziellen Kümmernissen und Möglichkeiten in solche kleinen, unscheinbaren Verse hineinzuzaubern, ohne je dabei den Humor zu verlieren?

Auch mit der Welt der Natur befasste sich der Grafiker und Schriftsteller aus Wiedensahl bei Hannover und reimte sie im Naturgeschichtlichen Alphabet zu einem nur beinahe vollständigen ABC – nur beinahe vollständig deshalb, weil auch der Meisterdichter die schwierigen Buchstaben X und Y ausließ. Grund genug, unseren Leserinnen und Lesern im vorletzten Heft die anspruchsvolle Aufgabe zu stellen, nicht allein für die beiden ›Raritäten‹ im Alphabet, sondern insgesamt für die Buchstaben R bis Z eigene Paarreime zu finden.

Sie fanden Xiphiasse (Schwertfische), Xylophagen (Holzfresser) und Xenopusse (Krallenfrösche), reimten die trockenen Xerophyten-Pflanzen mit den im Nassen lebenden Xiphosuras (Pfeilschwanzkrebsen), riefen keineswegs ausgestorbene Xenosaurier, noch unentdeckte X-Bein-Tiger und die im 19. Jahrhundert entdeckten X-Chromosomen auf den Plan, holten starke Zungenbrecher aus dem Aztekischen wie die Xoloitzcuintles (mexikanische Nackthunderasse) hervor, ließen das Küchenkraut Ysop vom legendären Yeti fressen, formten populäre Yucca-Palmen sowie eher unbekannte Yamswurzeln zu Versen und vergaßen nicht, die in Zentralasien lebende Rinderart der Yaks ins schöne Spiel der Worte zu bringen. Auch die Beispiele für R bis Q und Z förderten Überraschendes und Erheiterndes zutage.

Eine wahre Flut von Versen erreichte also die GfdS nach ihrer (so ein Mitglied) »verlockenden und erheiternden Aufforderung« – darunter waren von »der elfjährigen Enkelin inspirierte« Strophen genauso wie in fröhlichen Urlauberrunden entstandene Zeilen, es schrieben ein 83-jähriger passionierter Dichter ebenso wie der Wilhelm-Busch-Preisträger 2006 und mehrere Klassen des Stadthagener Wilhelm-Busch-Gymnasiums, Zuschriften aus dem Elsass kamen und schließlich sogar der von einem ehemaligen Schüler erinnerte Vers eines Deutschlehrers aus dem Jahre 1931:

Im Zickzack springt der Ziegenbock
Und lustig weht sein Zottelrock

Hier Gewinner zu küren, erwies sich als nicht eben leichte Aufgabe. Wir sind sie angegangen, hielten uns an Kriterien wie Vollständigkeit, formale Strenge im Reim, Originalität und Esprit und präsentieren nun die drei ersten Sieger/-innen, die sich jeweils über Buchpreise freuen dürfen.

Der erste Preis geht an die Klasse 10 c des Wilhelm-Busch-Gymnasiums Stadthagen für folgende Paarreime, die ein wenig von der geheimnisvollen Absurdität Christian Morgensterns oder Lewis Carrols aufscheinen lassen, ohne dabei Wilhelm Buschs Rhythmus und Stil zu verfehlen. Letztlich ist es aber der ganz eigene Stil in dem Gedicht, dessen Originalität (ein besonderes Augenmerk sei auf das phantasievolle Tier-Kompositum in der letzten Zeile gerichtet) uns überzeugt hat:

Der Rabe rockt im Rabenmist,
Das Rentier ist bestimmt ein Christ.

Der Schwan schwamm auf dem blauen See,
Das Schwein frisst Rüben und auch Klee.

Der Truthahn schmeckt der Tante gut,
Die Taube bläht sich auf vor Wut.

Der Uhu ruft schon durch die Nacht,
Die Unke wird zum Prinz gemacht.

Das lila Veilchen wird begossen,
Der Vogel, der wird abgeschossen.

Der Walfisch schwimmt im Ozean,
Die Wüstenmaus kann Auto fahr’n.

Der Xiphias ein Schwertfisch ist,
Der Xylophage Hölzchen frisst.

Der Yeti, groß und stark behaart,
Dem kleinen Yapok Angst einjagt.

Die Zwergmaus hört ihm gerne zu:
Dem Zottelhasenkänguru.

Über den zweiten Preis darf sich Brigitte Rasselenberg aus Bad Kreuznach freuen. Sie vermied den in fast allen Gedichten auftauchenden Yeti und wählte stattdessen recht ausgefallene Pflanzen. Man beachte bei ihr übrigens die intelligente Reim-Ausflucht im Buchstaben W. Und dass beim Zebra nur die Streifen hinter(n)teils erwähnt werden, geschah wohl »um des Reimes willen« (Christian Morgenstern):

Der Regenwurm liebt feuchte Erde,
Das Rentier läuft stets mit der Herde.

Der Seidenspinner lebt in China,
Dem Sumpfhuhn schmeckt das Würmchen prima.

Der Tapir sieht dem Esel ähnlich,
Die Tulpe blüht im Mai gewöhnlich.

Am Wegesrand die Ulme steht,
Der Uhu pfeift sein Nachtgebet.

Das Veilchen zeigt sich ganz bescheiden,
Fast keiner kann den Vielfraß leiden.

Der Wachtel Ei schmeckt delikat,
Es grunzt das Wildschwein abends spat.

Der Xiuhcoatl fehlen Beine,
Xiphophorus schwimmt meist alleine.

Yamswurzeln sind beliebt bei Ratten,
Aus Yuccafasern macht man Matten.

Die Zaubernuss blüht nur in Wintern,
Das Zebra ist gestreift am Hintern.

Den dritten und letzten Buchpreis gewinnt Dr. Hanno V. J. Kolbe aus dem Elsass. Er lieferte uns gleich mehrere Varianten zu jedem einzelnen Buchstaben. Sie alle abdrucken zu wollen, würde den Platz sprengen. Stellvertretend an dieser Stelle nur seine Vorschläge für R:

Reptilien haben kaltes Blut,
Das Rebhuhn schmeckt mit Morcheln gut.

Das Rhino hat ein Nasenhorn,
Die Rose dafür ihren Dorn.

Raps und Rhabarber: unentbehrlich,
Rottweiler: eher saugefährlich.

Auch allen anderen Einsendern sei an dieser Stelle herzlich gedankt: Sie haben uns wirklich ein ums andere Mal zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht.

 

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