Auflösungen älterer Preisaufgaben
Wortbildungen auf -e
(Preisaufgabe aus Heft 5/2010)
In der Preisaufgabe des Heftes 5/2010 haben wir unsere Leserinnen und Leser gebeten, Wörter einzusenden, die auf einer Wortbildung mit -e basieren, so wie Schreibe oder Schalte, die gegenwärtig auffallend häufig verwendet werden.
Diese Wortbildungen haben eine lange Tradition, und viele Substantive des heutigen Sprachgebrauchs basieren auf diesem Mechanismus, der schon in früheren Stadien des Deutschen aktiv war. So ist anzunehmen, dass bei Wörtern wie Sprache, Anklage, Wärme, Breite und vielen anderen heute gebräuchlichen Wörtern dieser Art zuerst das Verb bzw. das Adjektiv vorhanden war, bevor das Substantiv daraus gebildet und geläufig wurde.
Der Wortbildungsmechanismus ist auch heute noch produktiv, d. h. es entstehen noch immer neue Wörter, meist Substantive, aus bereits vorhandenen, etwa als Verkürzung längerer Substantive, und besonders häufig aus Verben. Die Einsendungen zur Preisaufgabe haben gezeigt, dass vielen Lesern diese Wortbildungen sehr bewusst sind und einige sie als witzig, andere sie als störend empfinden.
Besonders häufig wurden Ableitungen aus Verben genannt. Heutzutage sicherlich jedem bekannt sind Wörter wie Glotze, Fresse und Umkleide, die sich im allgemeinen bzw. informellen Sprachgebrauch etabliert haben. Aber auch neuere Bildungen wie Lache oder Abzocke sind bereits vielen Lesern bekannt. Besonders interessant waren für uns die unbekannteren Formen, die auch unsere Leser überrascht haben und von denen wir einige zum ersten Mal hörten. Kennen Sie zum Beispiel das Wort Verkaufe, im Sinne von ›sich gut verkaufen können‹, oder die Big Raushole aus Krisen- und Kriegsgebieten (also das Evakuieren z. B. aus Regionen, in denen die Situation für Touristen gefährlich werden könnte)? Viele dieser Wörter sind sicherlich einerseits auf die Versuche der Medien zurückzuführen, publikumswirksame neue Schlagworte zu kreieren, andererseits dienen sie der Sprachökonomie – denn wer möchte schon ständig umschreiben, dass ein Fußballer aufgrund der Zahlung einer hohen Geldsumme von einem Verein zum anderen gewechselt ist, wenn man dazu doch so schön sagen kann, der neue Arbeitgeber habe eine hohe Ablöse gezahlt?
Verkürzungen schon bestehender Substantive wie Mucke für Musik (unter Musikern ist Mucke auch als ein Auftritt geläufig: »Ich hab an dem Tag ne Mucke«), Disse für Diskothek oder Malle für Mallorca sind praktisch und besonders unter Jugendlichen oder in bestimmten informellen Zusammenhängen sehr häufig anzutreffen. Die Klapse (›Klapsmühle‹), die Frise (›misslungene Frisur‹) und die Fixe (Junkiesprache für Heroinspritze) zeigen, dass Wortbildungen auf -e häufig abwertend gebraucht werden. Welche Reinigungsfachkraft wird gern Putze genannt, welche Frau ist gern eine Tusse?
Abschließend sei gesagt, dass auch dieser Wortbildungsmechanismus zum Sprachwandel gehört und dass, wie oben erwähnt, viele heute als völlig normal und standardsprachlich betrachtete Wörter, wie Bleibe, Wüste und Strecke nicht vorhanden wären, wären sie nicht irgendwann aus den ihnen zugrunde liegenden Basisformen gebildet und in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeführt worden. Somit wäre unsere Sprache ohne dieses Wortbildungsmuster um einiges ärmer, und auch wenn einige der oben genannten Begriffe heute noch als umgangssprachlich zu betrachten sind, unterliegen auch sie einem ständigen Bedeutungswandel, der vielleicht irgendwann die Tusse zur respektablen jungen Dame und die Frise zur Kultfrisur werden lässt. Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre Einsendungen.
Über die Buchpreise entschied das Los. Freuen dürfen sich Harald Falk, Christoph und Jana Melchiar und Markus Voigt.

