Aufsätze im SMS-Stil?
Der Einfluss neuer Medien auf das schulische Schreiben
Von Sarah Brommer
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Sprachwandel in der Schriftsprache durch die »neuen Medien«? |
Das im Herbst 2009 abgeschlossene und vom Schweizerischen Nationalfond geförderte Forschungsprojekt »Schreibkompetenz und neue Medien« unter der Leitung von Prof. Christa Dürscheid, Universität Zürich, ist der Frage nach dem Einfluss des privaten Schreibens auf das schulische Schreiben nachgegangen. Im Folgenden werden einige Ergebnisse der Untersuchung, in welcher Schultexte und Freizeittexte von Schülern korpusanalytisch verglichen wurden, kurz vorgestellt und kommentiert. Die quantitativ und qualitativ ausgewerteten Daten wurden in Sekundar-, Berufs- und Kantonsschulen in den Kantonen Zürich und Zug erhoben.
Schreiben in der Freizeit
In den Freizeittexten der Jugendlichen (bspw. E-Mails, SMS und Chat-Mitschnitte) lassen sich viele Merkmale feststellen, die in stilistischer Hinsicht an ein Gespräch erinnern: umgangssprachliche Ausdrücke, unvollständige Sätze, Gesprächspartikeln (hehe, jö), ausführliche Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln und vieles mehr. Außerdem finden sich comicsprachliche Interjektionen (boing), Inflektive (infinite und unflektierte Verbformen, meist in Sternzeichen gesetzt wie bspw. *grins*, *gähn*) sowie sprachliche Einflüsse verschiedener Varietäten. Doch nicht nur auf sprachlicher Ebene, auch bei der Rechtschreibung und typographischen Gestaltung der Texte zeigen die Freizeittexte – gemessen an den Normkodizes – viele Auffälligkeiten bzw. Normabweichungen.
Emoticons, insbesondere Smileys, sind besonders augenfällig und lassen sich in den Freizeittexten überaus zahlreich und in verschiedenen Variationen belegen. Als »Emoticon«, eine Wortkreuzung aus Emotion und Icon, werden Zeichenfolgen (aus normalen Satzzeichen) bezeichnet, die in der schriftlichen Kommunikation Stimmungs- und Gefühlszustände wie Freude, Ironie etc. ausdrücken. Der bekannteste Smiley ist das lachende Gesicht :-). xD steht für ein lautes Lachen, ^^ für ein Grinsen mit zusammengekniffenen Augen, O_O für ein erstauntes Gesicht.
Sehr häufig verstärken Jugendliche ihre Aussage durch Buchstaben- und/oder Satzzeichenwiederholung (z. B. hey!!! oder Eeem neeeed). Kurzschreibungen wie Sho izi, np, Kuzx, gn8 (für Schon easy, no problem, Küsse, Gute Nacht) dienen nicht nur zur Einsparung von Zeichen, sondern sind in erster Linie stilistisch motiviert. In den Freizeittexten schreiben die Jugendlichen mehrheitlich klein; sie verwenden Großbuchstaben oft nur bei Nicknames (Pseudonyme für den Benutzernamen in Chaträumen) oder im Rahmen durchgehender Majuskelschreibung, um bspw. einem Wort besonderen Nachdruck zu verleihen (z. B. ha di SOO lieb). Normabweichende Laut-Buchstabenzuordnungen sind ein weiteres graphostilistisches Mittel jugendlicher Freizeitkommunikation. Zwar gibt es in den fast ausschließlich mundartlich geschriebenen Texten ohnehin keine feste Laut- und Buchstabenkorrelation, aber es treten auch Schreibphänomene auf, die nicht auf die dialektale Verschriftung zurückgeführt werden können (z. B. geshtr statt geschtr für ›gestern‹). Vielmehr entspringen diese Formen der Schreibung oftmals dem Wunsch, nach eigenen Regeln zu schreiben und sich von der Norm abzugrenzen, wobei sich mittlerweile einige Schreibweisen unter Jugendlichen geradezu regelhaft etabliert haben, wie die Schreibung von <sh> statt <sch> (z. B. shuel) oder <z> statt <s> (z. B. wie gatz?). Typisch ist auch die phonetische Schreibung fremdsprachiger, meist englischer Wörter wie kul oder isi.
Beispiele dieser Art sind es, die zeigen, dass das Schreiben in Freizeittexten ein kreatives Schreiben ist. Eben weil es in einem nichtschulischen Rahmen stattfindet, haben die Schülerinnen und Schüler größere ortho- und typographische sowie stilistische Freiheiten und bspw. die Möglichkeit, ihrer Phantasie bei der Schreibung eines Wortes freien Lauf zu lassen.
Schreiben in der Schule
Zeigen sich die genannten Variationen nun auch in normgebundenen Produktionssituationen, also in Schulaufsätzen? Im Folgenden sei auf einige Phänomene und ihr Vorhandensein in Schultexten näher eingegangen: 1. Smileys und Inflektive, 2. sprachliche Kurzformen, wozu auch der Einsatz von Sonderzeichen zu rechnen ist, und 3. der mundartliche Einfluss.
Smileys und Inflektive
Emoticons (insbesondere Smileys) und Inflektive bzw. Inflektivkonstruktionen (z. B. dich ganz lieb hab) gelten als charakteristisch für das Schreiben in den neuen Medien. In Schultexten jedoch – das hat die Untersuchung gezeigt – treten diese auffälligen Merkmale kaum auf: In einer Auszählung von 350 willkürlich ausgewählten Texten aus dem gesamten Schulkorpus, verteilt über alle drei untersuchten Schultypen, verwendeten nur fünf Schülerinnen und Schüler Smileys. Emoticons haben demnach offensichtlich Einzug in Schultexte gehalten, aber keinesfalls in einem besorgniserregenden Ausmaß. Bei den Inflektiven ist der Befund noch deutlicher: In den 350 Schultexten fand sich keine einzige Verbform in der Funktion eines Inflektivs. Es zeigt sich also, dass diese Elemente beim schulischen Schreiben keine Rolle spielen – eben weil sie besonders ins Auge fallen und die Schülerinnen und Schüler wissen, dass solche Formen in einem Schultext nicht angemessen sind.
Sprachliche Kurzformen und Sonderzeichen
Da das Schreiben in den neuen Medien stark von Abkürzungen, Akronymen und dem Einsatz von Sonderzeichen gekennzeichnet ist, könnte man gerade in diesem Bereich einen Einfluss auf das schulische Schreiben erwarten. Sprachliche Kurzformen treten jedoch nur in Einzelfällen auf – in den Sekundarschultexten gibt es zwar anteilig mehr Kurzformen als in den anderen Schulformen, insgesamt ist ihr Anteil aber gering. Hingegen verwenden 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler in ihrem Text ein oder mehrere Sonderzeichen (bspw. das »+«-Zeichen anstatt eines »und« oder die Ziffernschreibung). Möglicherweise hat das zunehmende Tastaturschreiben diese Sonderzeichen stärker ins Schreibbewusstsein gerückt, weshalb sie häufiger zu finden sind als früher. Sonderzeichen sind zudem schreibökonomisch motiviert: Anstatt das entsprechende Wort auszuschreiben, wird das logographische Zeichen gesetzt. Oft sind die Sonderzeichen auch syntaktisch eingebunden (s. Abb. 1), was zu einem verkürzten und teilweise nicht korrekten Satzbau führt. Zum Verständnis müssen sie interpretiert und »versprachlicht« werden, und dies ist nicht immer eindeutig möglich. Das folgende Beispiel veranschaulicht die Problematik: Die Auflösung des Pfeils kann zu verschiedenen syntaktischen Konstruktionen führen.
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Abb. 1: Syntaktische Einbindung von Sonderzeichen |
Mundartlicher Einfluss
Während in den Freizeittexten die Mundartschreibung dominiert, sind die Schultexte allesamt in Standarddeutsch verfasst. Sie zeigen jedoch Einflüsse aus der Mundart, v. a. auf lexikalischer Ebene. Das verwundert nicht: Die neuen Kommunikationsformen ermöglichen schriftbasierte, quasi-synchrone Dialoge, die mit der mündlichen – dialektal ausgerichteten – Alltagskommunikation vergleichbar sind. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Übernahme von Mundartausdrücken in die Standardsprache dadurch befördert wird, dass die Jugendlichen immer häufiger auch Mundart schreiben (und nicht nur sprechen).
Fazit
Medientypische Schreibungen wie Ökonomisierungen und Inflektive spielen ebenso wie die emphatische Wiederholung von Buchstaben oder Satzzeichen in Schultexten keine nennenswerte Rolle. Auch die durchgängige Großschreibung von Wörtern tritt nur marginal auf, obwohl dies ein typisches Phänomen der Freizeittexte ist. Orthographische und morphosyntaktische Mängel in den Schultexten dürften vorrangig ein Problem der Normbeherrschung sein aufgrund fehlender sprachlicher Grundkompetenzen. Allerdings kann man vermuten, dass die mangelnde Normbeherrschung und ebenso der dialektale Einfluss in standardsprachlich verfassten Texten durch das Schreiben in den neuen Medien begünstigt werden. Das gilt auch für den aus dem Schreiben in den neuen Medien übernommenen Gebrauch von Sonderzeichen, der oft zu einem verkürzten und fehlerhaften Satzbau führt. Aus all dem ist zu folgern: Das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für unterschiedliche Schreibsituationen und damit einhergehenden Normerwartungen muss sensibilisiert und geschärft werden. Wichtig ist daher, dass Lehrerinnen und Lehrer die Aktivitäten in den neuen Medien kritisch verfolgen und die Phänomene der neuen Schriftlichkeit im Unterricht mit ihrer Klasse diskutieren. Mögliche didaktische Anknüpfungspunkte werden in der Abschlussveröffentlichung des Projekts »Schreibkompetenz und neue Medien« ausführlich thematisiert.
Literatur
Dürscheid, Christa, Wagner, Franc & Sarah Brommer (2010): Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien. Mit einem Beitrag von Saskia Waibel. Berlin/New York: W. de Gruyter. Weiterführende Informationen finden sich unter www.schreibkompetenz.uzh.ch.
Zur Autorin
Sarah Brommer, M. A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Seminars der Universität Zürich. Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in: Schulinfo Zug. Fokus Schreiben, Nr. 3, 2009–10, hg. von der Direktion für Bildung und Kultur, Kanton Zug, S. 11–13.



