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Die Macht des -

von Nicola Frank

Ein sehr unscheinbares Zeichen in unserem Schriftsystem ist der Bindestrich (-). Man verwendet ihn unter anderem, um Auslassungen zu kennzeichnen wie in Ein- und Ausgang.

Das Prinzip ist ganz einfach: Man lässt etwas weg, im vorliegenden Beispiel den ersten Gang, und zum Zeichen, dass etwas weggelassen wurde, tritt ein Bindestrich an die Stelle. Es ist sinnvoll, an diese Stelle ein kleines Zeichen wie den Bindestrich zu setzen, damit das Weglassen auch eine Platzersparnis bringt.

So klein der Bindestrich aber ist, so wichtig ist er auch. Wer so knauserig ist zu denken, der kleine Strich ist so klein, dann kann man den Platz auch gleich ganz sparen und nichts an die Stelle der Auslassung setzen, irrt gewaltig.

Ein Beispiel für die Folgen solch übertriebenen Geizes: Ein Geschäft bietet eine »große Auswahl an Damen und Herrenschuhe« an. Das jedenfalls steht so auf der Schaufensterscheibe. Glaubt man dieser Aussage, müsste es sich um ein echtes Eldorado für Herren handeln. Diese könnten dort also nicht nur ihren Bedarf an Fußbekleidung decken, sondern hätten gleichzeitig die Möglichkeit, Kontakte zu Personen weiblichen Geschlechts zu knüpfen, die der Laden auch noch in »großer Auswahl« bereithält.

Gewisse menschenrechtliche Bedenken könnten allerdings auch angemeldet werden bei der Vorstellung, dass in dem Laden Damen den gleichen Warencharakter haben wie Schuhe. In Wahrheit haben sie das natürlich gar nicht (jedenfalls nicht in diesem Laden), alle im Geschäft anzutreffenden Damen sind unverkäuflich. Es handelt sich entweder um Verkäuferinnen oder um Kundinnen. Letztere halten in dem Laden meistens weder Ausschau nach Damen noch nach Herrenschuhen, sondern nach einer Ware, die die Ankündigung auf der Schaufensterscheibe gar nicht verspricht, nämlich nach Damenschuhen. Tatsächlich bietet der Laden eben eine große Auswahl »Damen- und Herrenschuhe«; ohne den Bindestrich an den Damen bedeutet es aber schlicht etwas anderes, und zwar etwas grundlegend anderes.

Man sollte also den Bindestrich nicht gering schätzen, denn wie man sieht, kann das Weglassen dieses kleinen Zeichens zu einer Aussage führen, die wörtlich genommen sämtliche Frauenrechtsorganisationen auf den Plan rufen müsste. Glück für den Schuhladen, dass die Mehrzahl der Kundinnen und Kunden es mit dem Bindestrich nicht so genau nimmt, ja vielleicht nicht einmal bemerkt, was ihnen da angeboten wird, wenn man den Schriftzug in der vorliegenden Form ernst nimmt.

Übrigens: Aufmerksame Leser/-innen werden bemerkt haben, dass der Geiz bei der Schaufensteraufschrift nicht nur den Bindestrich getroffen hat, auch ein zusätzliches n täte dringend not, wenn es korrektes Deutsch sein soll. Aber auch wenn es ohne das n grammatisch nicht korrekt ist, ist das fehlende n für die Bedeutung bei Weitem nicht so folgenschwer wie der unscheinbare Bindestrich.

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