Muttersprache 1/2006
Abstracts der im Heft enthaltenen Aufsätze
Walther Dieckmann: Zum sprachlichen Umgang mit möglicherweise täuschenden Eindrücken
Der Aufsatz beschäftigt sich mit Situationen, in denen wir mit möglicherweise täuschenden Eindrücken konfrontiert werden, und mit den sprachlichen Mitteln, die die deutsche Sprache für diese Problemsituation zur Verfügung stellt. Unter ihnen erhalten anscheinend und scheinbar besondere Aufmerksamkeit. Es stellt sich heraus, dass die Behauptungen und Argumente, die in der Sprachkritik zu Gunsten der bekannten semantischen Unterscheidung vorgebracht worden sind, nur mit Einschränkungen mit den sinnvollen Funktionen vereinbar sind, denen die Wörter in den Kommunikationssituationen dienen. – Die Untersuchung soll die allgemeinere These illustrieren, dass die Unzuverlässigkeit der Sprachkritik oft Konsequenz der Praxis ist, die Urteile aus fragwürdigen Annahmen über Sprache und ihr Funktionieren abzuleiten, statt sie auf eine sorgfältige Beobachtung des Sprachgebrauchs zu gründen.
The article deals with situations in which we are confronted with possibly deceiving impressions and with the means the German language offers for this situation. Among them anscheinend and scheinbar receive special attention. The analysis shows that the assertions and arguments which have been advanced in language criticism in favor of the well-known semantic distinction are compatible with the sensible functions they serve in the communicative situations only in a limited way. – The investigation is meant to illustrate the more general thesis that the unreliability of language criticism is often a consequence of the practice to deduce the judgements from questionable assumptions about language and language functioning rather than to base them on a careful observation of language use.
Danguole Satkauskaite: Der 11. September – ein Ereignisname?
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Ausdruck der 11. September, der zum Wort des Jahres 2001 gewählt wurde. Zunächst werden die orthographischen Varianten sowie die typischen Kollokationen des Syntagmas der 11. September dargestellt, um so Besonderheiten der Gebrauchsweise deutlicher hervortreten zu lassen. Im Anschluss daran wird die Frage behandelt, inwieweit der 11. September als ein Ereignisname gelten kann. Schwierigkeiten der Zuordnung ergeben sich daraus, dass das Syntagma nicht die typischen Kriterien der Eigennamen erfüllt. Besonders problematisch sind dabei Temporalangaben wie vor/nach/seit dem 11. September, die zu den typischen Kollokationen gehören. Dennoch sprechen mehrere Indizien für eine Einstufung des Ausdrucks der 11. September als Ereignisname.
This paper discusses the expression der 11. September which was elected a word of the year in 2001. First, the orthographic variants and typical collocations of the syntagma der 11. September are described. Later, the question is discussed if der 11. September can be characterized as a proper name (event name). This is a problem because typical criteria for proper nouns don’t hold in this case. Particularly difficult is the classification of temporal phrases such as vor/nach/seit dem 11. September which belong to the most characteristic collocations. Nevertheless, we do have some evidence for the assumption that der 11. September is a proper (event) name.
Günther Pflug: Denken, Sprache und Gehirn
In den letzten Jahrzehnten ist die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Gehirn – von neurologischen Überlegungen angeregt – in weiten Kreisen diskutiert worden. Dabei stand vor allem die Frage nach der Willensfreiheit im Vordergrund. Sprachfragen wurden meist nur am Rande behandelt. Doch haben die Thesen auch auf das Verständnis von Sprache eingewirkt bis hin zu der Annahme, dass es ein spezielles Sprachgen gebe. Diese Arbeit will die Diskussion der letzten Jahre vor dem Hintergrund ihrer bis zum Beginn der Neuzeit zurückreichenden historischen Entwicklung darstellen und zeigen, dass die Sichtweise der Sprache einem kontinuierlichen Wandel unterworfen ist.
During the last years, the relation between thinking and brain has been discussed mainly in the field of neurophysiology. The most important question provoced by this discussion was the problem of free will. The role of language was usually not taken into account. By summarizing different theories on thinking, language and brain, this article demonstrates that, during the last 500 years, the predominant view on language was subject to a process of continuous change.
Conny Schneider: Die Gefühlssprache Jugendlicher
Teenager sind zickig, launisch, cool oder frisch verliebt und manchmal alles auf einmal – so ein gängiges Vorurteil. Wenn es zutreffen sollte, dass Emotionen das Leben Heranwachsender in besonderer Weise bestimmen, so sollte sich dies auch in ihrem Sprachgebrauch widerspiegeln. Eine spezielle Analyse des Gefühlswortschatzes von Jugendlichen steht in der Linguistik noch aus. Ansätze zu einer solchen Untersuchung liefert der vorliegende Beitrag, der – ausgehend von Liebesbriefen und einem Fragebogen – Aspekte des emotionalen Wortschatzes von Jungen und Mädchen beschreibt.
According to a common prejudice, teenagers are touchy, moody, cool or head over heels in love and sometimes all of it at the same time. If it’s true that adolescents are dominated by their emotions this should be reflected by the way they talk. Up to now, the emotional vocabulary used by teenagers was more or less neglected by linguistic research. As a first step towards further analyses, the following contribution offers, based on love letters and a questionnaire, a description of certain aspects of this vocabulary.
Armin Burkhardt: Sprache und Fußball. Linguistische Annäherung an ein Massenphänomen
Die Großveranstaltungen des Sports sind heute zugleich kommunikative Großereignisse - innerhalb wie außerhalb der Medien. Dies gilt erst recht für »König« Fußball. Nach einer kurzen theoretischen Bestimmung der Sportsprache, in deren Praxis sich Fachsprache, Fachjargon und Reportsprache stets vermischen, werden zunächst die Anfänge des deutschen Fußballs und seiner Sprache bei Konrad Koch beleuchtet. Nachdem Metonymie, Metapher und »simplifizierende Abstraktion« als die wichtigsten semantischen Prinzipien der Fußballsprache beschrieben sind, geht der Hauptteil des Beitrags besonders auf die Sprache der Sportberichterstattung ein, als deren auffälligstes Stilmerkmal die Antonomasie erscheint. Außerdem wird gezeigt, dass zwischen Tabellen-, Positions- und Spielsprache zu unterscheiden ist. Den Schluss bilden semantische Erläuterungen zur fußballsprachlichen Lexik.
Today, big sports events are also big communication events, both in the media and beyond. This is all the more true of »King« Football. After a short theoretical definition of the language of sports, in which LSP, the jargon and the language of news-reporting constantly interfere one with the other, the beginnings of German football and its language seen in connection with the special role of Konrad Koch are described. After metonymy, metaphor and »simplifying abstraction« have been shown to be the most important semantic principles of football language, the main body of the article deals with the language of the sports news report in particular, the outstanding stylistic feature of which is antonomasia. It will also be shown that the languages of tables, positions and the game must be clearly distinguished. The article is concluded with some exemplary explanations on the vocabulary of football.
Rezensionen
Kirsten Adamzik/Wolf-Dieter Krause (Hgg.): Text-Arbeiten. Textsorten im fremd- und muttersprachlichen Unterricht an Schule und Hochschule. (= Europäische Studien zur Textlinguistik, Bd. 1)
Rezensiert von Dr. Renate Freudenberg-Findeisen
Ursula Bredel/ Hartmut Günther/ Peter Klotz/ Jakob Ossner/ Gesa Siebert-Ott (Hgg.): Didaktik der deutschen Sprache. Ein Handbuch. 2 Bände.
Rezensiert von Prof. Dr. Eberhard Ockel
Hilke Elsen: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen.
Rezensiert von Dr. Lothar Lemnitzer
Georg Cornelissen: Rheinisches spricht wie mit wem und warum.
Rezensiert von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Augst
Peter Honnen: Kappes, Knies & Klüngel. Regionalwörterbuch des Rheinlands. 4. Auflage.
Rezensiert von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Augst
Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung. (Reclams Universal-Bibliothek 18315)
Rezensiert von Prof. Dr. Günther Pflug
Konrad Ehlich/ Katharina Meng (Hgg.): Die Aktualität des Verdrängten. Studien zur Geschichte der Sprachwissenschaft im 20. Jahrhundert. (= Studien
zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 4)
Rezensiert von Dr. Nicole M. Wilk
Robert Sedlaczek: Das österreichische Deutsch: Wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden. Ein illustriertes Handbuch.
Rezensiert von Prof. Dr. Jürgen Koppensteiner
Petra Ewald (Hg.): Die Bemühungen um eine Reform der deutschen Orthographie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. (= Documenta Orthographica Abt. A, Bd. 8)
Rezensiert von Prof. Dr. Günther Pflug
Rita Franceschini/Johanna Miecznikowski (Hgg.): Leben in mehreren Sprachen, Vivre avec plusieurs langues. Sprachbiographien, Biographies langières. (= transversales 9)
Rezensiert von Prof. Dr. Eva-Maria Thüne
Proverbium. Yearbook of International Proverb Scholarship. Bd. 22: 2005.
Rezensiert von Dr. sc. Hans-Manfred Militz
Rainer Knirsch: »Sprechen Sie nach dem Piep« Kommunikation über Anrufbeantworter. Eine gesprächsanalytische Untersuchung. (= Reihe Germanistische Linguistik 260)
Rezensiert von Prof. Dr. Eberhard Ockel
