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Muttersprache 1/2007

Abstracts der im Heft enthaltenen Aufsätze

Hilke Elsen und Sascha Michel: Wortbildung im Sprachgebrauch. Desiderate und Perspektiven einer etablierten Forschungsrichtung

Die traditionelle Wortbildungsforschung untersucht Wortbildungseinheiten und -arten schwerpunktmäßig auf der Ebene des Sprachsystems, der Langue1. In jüngster Zeit werden jedoch Definitionen und Typologien, die sich auf »das Deutsche« beziehen, zunehmend in Frage gestellt. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass in größerem Maße der Sprachgebrauch, die Parole, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Dadurch werden auch bislang weitgehend vernachlässigte Epiphänomene fokussiert und deren Status innerhalb des Systems diskutiert. Um zu einer adäquaten sprachgebrauchsbezogenen Wortbildungsforschung zu gelangen, muss das Potenzial der wichtigsten Sprachgebrauchsdisziplinen herausgearbeitet werden, um schließlich in einer Verzahnung der Erkenntnisse zu münden. Der Beitrag versucht demnach Desiderate und Perspektiven einer Erforschung der Wortbildung im Sprachgebrauch zu skizzieren.

Traditional research on word formation analyses the language system (langue). Recently, definitions and typologies which refer to »German« are increasingly questioned. More and more, the actual use of language (parole) moves into the centre of discussion. In this article, largely neglected epiphenomena are focussed and their position within the system is discussed. In order to allow an adequate research on »real-life« word formation, the potentials of the relevant disciplines such as sociolinguistics or cognitive linguistics will be elaborated. We postulate an approach which combines these results to obtain an adequate conception of the processes underlying the morphological structure of words. This contribution thus tries to sketch desiderata and perspectives of a research on word formation in language usage.

Anita Malmqvist: Kaufwut, Gesundheitswahn und Vergnügungssucht – zeitkritische Wortbildungen im Deutschen mit Ausblick auf das Schwedische

Der vorliegende Artikel ist eine Studie zu neueren, substantivischen Wortbildungen, die im Deutschen in Anspruch genommen werden, um drei zeittypische Lebensstilerscheinungen, nämlich das Konsumieren, die Fitnessorientierung und die Spaß- und Unterhaltungsfixierung zu benennen. Die Lexeme werden nach den Ausgangsbereichen ihrer Metaphorik kategorisiert. Allen gemeinsam ist, dass das jeweilige Verhalten als Übertreibung und daher als Abweichung von der Norm oder von einem Normalzustand versprachlicht wird, wobei das Krankheitsschema besonders stark vertreten ist. Die Wortbildungen enthalten folglich Elemente, die auf Einstellungen und Wertungen der Sprecher in Bezug auf die untersuchten Phänomene schließen lassen.

This is a study of German compound nouns, used metaphorically to refer to three life style manifestations characteristic of postmodern society: consumption, health and fitness orientation, and the pursuit of pleasure. The lexical items are classified according to the source domains of the respective metaphors, thus demonstrating the variety of perspectives that come into play and providing an insight into the ways people think as well as their attitudes and values with respect to the phenomena focussed on in the study. Common to all lexemes is an element of excess, which suggests that the phenomena in question are regarded as violations of societal norms.

Heiko Girnth/Andre Klump/Sascha Michel: »Du defamierst somit die Verfasser der Gästebuchbeiträge, wo wir wieder bei den Beleidigungen wären.«. Volksetymologie gestern und heute im Romanischen und Germanischen

Die Dokumentation und Explizierung volksetymologischer Prozesse war bislang auf die Rekonstruktion schriftlicher Quellen angewiesen, wobei diese meist den postprozessualen Zustand bzw. die bereits vollzogene Lexikalisierung widerspiegeln. Die mediale Revolution eröffnet nun die Möglichkeit, mit Hilfe des Internets sprachliche Veränderungsprozesse anhand größerer Korpora auszuwerten, die – bezogen auf die konzeptionelle Realisierung – vielfach eine Mittelstellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit einnehmen. Dies ermöglicht es, volksetymologische Veränderungsprozesse konkreter, aktueller Beispiele hinsichtlich ihrer Verbreitung und des Entwicklungsstandes exakter zu erfassen, als dies bisher geschehen konnte. Am Beispiel der Entwicklung des lateinischen Verbs diffamare in mehreren romanischen und germanischen Sprachen soll nicht nur ein aktuelles Phänomen diskutiert, sondern auch die Ergebnisse in den Rahmen der allgemeinen Forschung zur Volksetymologie eingeordnet werden.

In the past, the documentation and explanation of folk-etymological processes has been dependent on the reconstruction of written sources, which mostly mirrored the post-processual result respectively the already reached stadium of lexicalization. Today, the medial revolution makes it possible to evaluate linguistic changes via extensive corpora with the help of the internet, which – as far as the conceptual realisation is concerned – largely take a middle position between orality and literacy. This allows us to analyse folk-etymological changes of specific and current examples with regard to their occurrence and the stage of development more accurately than has been the case so far. Taking the development of the Latin verb diffamare in several Romanic and Germanic languages as an example, it is not only intended to discuss a current phenomenon but also to integrate the results into the general frame of folk-etymological research.

Sandra Plontke: Von Ago bis Zwicken. Die Fachsprache der Schuhfertigungstechnik in ihrer lexikalischen Vielfalt

Der Aufsatz ist ein Beitrag zur Erforschung gegenwärtiger technischer Fachsprachen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Lexik. Die Fachsprache der Schuhfertigungstechnik als Subsystem technischer Fachsprachen besitzt eine lexikalische Vielfalt, die zum einen durch die Verwendung von Metaphern und bildlichen Wendungen sowie durch den Gebrauch und Erhalt alten Sprachguts historisch gekennzeichnet ist, zum anderen aufgrund der Differenzierung und Entwicklung im technischen Fachbereich eine ständige Erweiterung erfährt. In der vorliegenden Studie wird auf einige, die Fachsprache der Schuhfertigungstechnik konstituierende Fachwörter und ihre Bildungsweise eingegangen, wobei vor dem Hintergrund der primären Sachbezogenheit technischer Fachsprachen der substantivische Wortschatz im Fokus der Betrachtungen steht.

The article is meant as a contribution to the research of present technical terminology in consideration of their lexis.

The terminology of shoe-production as a subsystem of technical terminology possesses a lexical variety that on the one hand is characterized by the use of metaphors and figurative phrasing and the use and preservation of ancient language.

On the other hand it undergoes a permanent amplification because of the differentiation and development in technical area.

The present study addresses the issue of some constituent idioms of the terminology of shoe-production and their creation, whereupon the focus of consideration is put on the substantival vocabulary against the background of primary reference to the subject of technical terminology.

Roswitha Reinbothe: Deutsch in China – am Beispiel der Gründungsgeschichte der Tongji-Universität

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Gründungsgeschichte der Tongji-Universität in Shanghai. Diese Universität ging aus der Deutschen Medizinschule für Chinesen in Shanghai hervor, die vor hundert Jahren, im Jahr 1907, gegründet worden war. 1912 wurde der Medizinschule eine Ingenieurschule angeschlossen. Neben Chinesisch war von Anfang an Deutsch Unterrichtssprache.

The article is concerned with the early history of the Tongji University in Shanghai. This university was established following the German Medical School for Chinese students in Shanghai, which was founded one hundred years ago, in 1907. An engineering school was added in 1912. From the beginning, German was used, beside Chinese, as the language of teaching.

Rezensionen

Michail L. Kotin/Marek Laskowski/Tadeusz Zuchewitz (Hgg.): Das Deutsche als Forschungsobjekt und als Studienfach. Synchronie – Diachronie – Sprachkontrast – Glottodidaktik.
Rezensiert von Eberhard Ockel

Marijana Kresic: Sprache, Sprechen und Identität. Studien zur sprachlich-medialen Konstruktion des Selbst.
Rezensiert von Eva-Maria Thüne

Melanie Wigbers: Krimi-Orte im Wandel. Gestaltung und Funktionen der Handlungsschauplätze in Kriminalerzählungen von der Romantik bis in die Gegenwart.
Rezensiert von Eberhard Ockel

Christiane Miosga: Habitus der Prosodie. Die Bedeutung der Rekonstruktion von personalen Sprechstilen in pädagogischen Handlungskontexten.
Rezensiert von Eberhard Ockel

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11.08.2010, 19 Uhr, Windhoek
Prof. Dr. Ulrich Ammon, Duisburg
Das Welt-Sprachensystem und die internationale Stellung der deutschen Sprache

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30.09.2010, 18.30 Uhr, Luxemburg
Prof. Dr. Jeroen Darquennes, Namur
Europäische Sprachenpolitik: Herausforderungen in- und außerhalb des europäischen Raums

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