Muttersprache 1/2008
Abstracts der im Heft enthaltenen Aufsätze
Helga Kotthoff: Potentiale der Redewiedergabe im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Spracherwerb, Jugendsprache und Sprachdidaktik
Die »direkte Redewiedergabe«, früher auch oft »wörtliche Rede« genannt, und die »indirekte Redewiedergabe« gehören zu den sprachlichen Erscheinungen, derer wir uns im Alltag sowohl mündlich als auch schriftlich selbstverständlich bedienen. Der Schwerpunkt meines Artikels liegt zwar auf der Redewiedergabe im Mündlichen; ich werde aber auch auf die geschriebene Sprache eingehen, auf Erwerbsfragen, Besonderheiten in der Jugendsprache und auch darauf, wie die Deutschdidaktik mit der Exploration der mündlich-schriftlichen Unterschiede arbeiten könnte.
The topic of reported speech is a common interest of linguistics and literary critique. The article discusses the stylistic potentials of direct and indirect quotation in spoken and written narratives. Not only in written but also in spoken discourse direct quotation evokes and typifies the characters of the story and goes into the realm of fiction. I also show features of reported speech in pragmatic speech development and in youth language. School textbooks up to now do unfortunately not pay attention to the stylistic and text analytical potential of reported dialogue.
Winfried Ulrich: Abziehen – Was ist das? Und abkatzen? Semantische Untersuchung »neuer Wörter«
An Beispielen aus jugendsprachlichem Wortschatz wie abziehen und abkatzen, die immer mehr auch in die Standardsprache eindringen und in Überschriften von Zeitungsartikeln die Aufmerksamkeit des Lesers erregen, aber ohne weiteren Kontext schwer verständlich bis unverständlich bleiben, wird eine genaue semantische Analyse vorgenommen. Dabei wird überprüft, in welcher Weise die Wörter im mentalen Lexikon der Textproduzenten und Textrezipienten mit anderen Wörtern vernetzt sind, die ihre Bedeutungen »stützen«. Besondere Beachtung wird dabei der Mehrdeutigkeit der Lexeme und der die verschiedenen Lesarten eines Wortes zusammenhaltenden semantischen Klammer, ihrer »Familienähnlichkeit«, gewidmet. Außerdem legt die Untersuchung eine Unterscheidung zwischen Neologismus einerseits (im engeren Sinne immer eine neue Wortbildung) und der Erweiterung der Lesarten eines Lexems um eine zusätzliche, neue Lesart andererseits nahe.
The German verbs abziehen and abkatzen, examples for dialect words used first only by young people, but getting more and more into Standard German, are found in headlines of newspaper articles, where they attract attention but are difficult or impossible to understand without additional context information. Their meanings are analysed regarding both: their semantic features and their semantic relations in the network of the mental lexicon. How are such words integrated into the vocabulary of a person? How is their acquisition supported by other words and by other meanings of the same words? Focussing polysemy it is made investigation about the semantic clip that holds the different meanings of a word together: their »family similarity« (»Familienähnlichkeit«). It proves to be helpful to make a difference between new word-formation by combining morphemes (»neologism« in strict sense) on the one hand and adding a new meaning to an existing word (sometimes also called neologism) on the other hand.
Renata Kwaśniak und Christiane Fellbaum: Das Schlagen der Idiome über die Stränge. Verbalabstrakta (Nomina actionis) auf der Basis deutscher Verb-Nomen-Idiome, ihre Strukturen und Funktionen
Der Beitrag widmet sich einer Schnittstelle zwischen Phraseologie und Wortbildung – der Bildung von Verbalabstrakta durch Konversion von Idiomen. Anhand einer breiten Textgrundlage der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts werden auf der Basis von Verb-Nomen-Idiomen wie beispielsweise Trübsal blasen, mit den Wölfen heulen oder nach einem Haar in der Suppe suchen konstituierte Verbalabstrakta untersucht. Dabei ist der Fokus darauf gerichtet, die verschiedenen morphologischen Ausprägungen der belegten Bildungen zu erfassen und die Gesetzmäßigkeiten der Nominalisierung von Verb-Nomen-Idiomen aufzuzeigen. Darüber hinaus soll die Funktionalität der analysierten Verbalabstrakta ermittelt werden, insbesondere im Vergleich zu den Verb-Nomen-Idiomen, die die Wortbildungsbasis dieser Konstruktionen darstellen.
The paper investigates a phenomenon at the interface of phraseology and word formation in idioms. Through a re-assignment of lexical and phrasal category membership, verb phrase idioms can become deverbal nouns without losing their figurative meaning. We explore idioms like Trübsal blasen ›to sing the blues‹, mit den Wölfen heulen ›to howl with the wolves‹ or nach einem Haar in der Suppe suchen ›to look for a hair in the soup‹ in a corpus of 20th century German texts. An analysis of the different morphological forms of the constructions under consideration allows us to formulate some conclusions about the rules of nominalization of German verb phrase idioms. Next we examine the discourse-specific functions of the deverbal nouns particularly in comparison with the verb phrase idioms.
Jan Georg Schneider: »Macht das Sinn?« – Überlegungen zur Anglizismenkritik im Gesamtzusammenhang der populären Sprachkritik
In diesem Aufsatz werden zunächst die zentralen Thesen und Argumente der populären Anglizismenkritik, die in Deutschland vor allem durch den Verein Deutsche Sprache (VDS) repräsentiert wird, vorgestellt und kritisch analysiert. Hiervon ausgehend wird die Frage gestellt, ob linguistische Anglizismenkritik a) möglich und b) sinnvoll ist. Lassen sich aus linguistischer Perspektive überzeugende Kriterien zur Beurteilung des Anglizismengebrauchs entwickeln? Hat die Linguistik der populären Anglizismenkritik etwas entgegenzusetzen?
In this article I first analyse the main arguments of the popular anglicism critique in Germany, which is mainly represented by the Verein Deutsche Sprache (VDS). Then I ask if it is possible and if it makes sense to criticize anglicisms from a linguistic point of view. Does linguistics offer any convincing alternatives to the popular anglicism critique?
Ayfer Aktaş: Aus dem Deutschen ins Türkische übernommene Wörter in türkischen Wörterbüchern – eine Bestandsaufnahme
In diesem Aufsatz geht es um den aktuellen Stand der aus dem Deutschen entlehnten Wörter in der türkischen Sprache. Da Ende 2005 in der Türkei drei neue türkische Wörterbücher von drei verschiedenen Institutionen erschienen sind, ist es interessant zu sehen, wie verschieden die Angaben der aus dem Deutschen übernommenen Wörter in diesen Wörterbüchern sind.
This article deals with the current inventory of German loan words in Turkish. Since three new Turkish dictionaries were published simultaneously by three different institutions at the end of 2005, it is now interesting to see how these dictionaries differ with respect to how they treat German loan words.
Rezensionen
Erich Hartmann: In Bildern denken – Texte besser verstehen. Lesekompetenz strategisch stärken
Rezensiert von Eberhard Ockel
Peter Martens: Plattdüütsch güstern un hüüt. Plattdeutsch gestern und heute
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Roswitha Reinbothe: Deutsch als internationale Wissenschaftssprache und der Boykott nach dem ersten Weltkrieg
Rezensiert von Winfried Thielmann
Irmhild Barz/Marianne Schröder/Karin Hämmer/Hannelore Poetha: Wortbildung – praktisch und integrativ
Rezensiert von Eberhard Ockel
Erika Worbs/Andrzej Markowski/Andreas Meger: Polnisch-deutsches Wörterbuch der Neologismen. Neuer polnischer Wortschatz nach 1989
Rezensiert von Doris Steffens
Albert L. Lloyd/Rosemarie Lühr: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen
Rezensiert von Eberhard Ockel
Werner Hüllen: Kleine Geschichte des Fremdsprachenlernens
Rezensiert von Dorothea Spaniel
Clemens Ottmers: Rhetorik
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Inessa Hellwig-Fábián: Deutsch mit ausländischem Akzent
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Sabine Kyora: Eine Poetik der Moderne
Rezensiert von Eberhard Ockel
Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik
Rezensiert von Eberhard Ockel

