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Muttersprache 2/2006

Abstracts der im Heft enthaltenen Aufsätze

Karl Heinz Ramers: Das Komma bei Zusätzen oder Nachträgen

Gegenstand des vorliegenden Artikels ist die Kommatierung bei Zusätzen oder Nachträgen, die einen Typ von Herausstellungsstrukturen bilden. Auf der Grundlage des derzeit gültigen Regelwerks werden die einzelnen Kommaregeln syntaktisch rekonstruiert. Die Stellung der Zusätze oder Nachträge innerhalb des Gesamtsatzes wird dabei mithilfe eines topologischen Feldermodells beschrieben. Der Beitrag verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen die möglichen Positionen für Herausstellungsstrukturen im Deutschen näher bestimmt werden, zum anderen soll das System der Kommaregeln für diesen Bereich interpretiert und ggf. modifiziert werden.

This paper deals with the punctuation of commas in sentences with »Zusätzen« (additions) or »Nachträgen« (supplements), a typ of extraction constructions. On the basis of the current orthographic codification, the separate comma rules are syntactically reconstructed. The position of the additions and supplements in the entire sentence is described in the framework of a topological fields model. This study pursues two goals: First the possible positions of extraction constructions in German should be specified, second the system of comma rules in this area is supposed to be interpreted and, if necessary, modified.

Hermann Möcker: Von »dreieffigen« Schreibungen (»dreiäffig«?). Oder: 2 plus 1 war nicht immer 3. Irrwege und Wege der deutschen Rechtschreibung

Die jüngste Neuregelung der deutschen Rechtschreibung hat endlich für intensive Untersuchungen und Bewertungen unserer Orthographie gesorgt. Ein Problemfall war die Einsparung eines dritten gleichen Konsonantenbuchstaben an der Fuge von Zusammensetzungen (z. B. Kunststoffenster) – vor einem folgenden Vokal. Vor einem weiteren (vierten) Konsonantenbuchstaben waren aber alle drei Gleichen zu schreiben (Kunststoffflasche), ebenso wenn vor einem folgenden Vokal das Wort getrennt werden musste (Kunststoff-fenster).

Hier wird eine Längsschnittuntersuchung vorgelegt, welche die Regelentwicklung vom ausgehenden 18. Jh. bis zur jüngsten Reform und ihre Auswirkungen auf die Schreibpraxis (Fehleranfälligkeit!) sowie auf Verwirrungen der Aussprache zeigt.

Zumeist wurde die Einsparung irrig als die eigentliche »Hauptregel« empfunden, doch erst – und nur! – die 10. und die 11. Duden-Auflage von 1929 bzw. 1934 ließen erkennen, dass die Dreifachsetzung die Regel, die Einsparung aber die Ausnahme war. Doch schon 1941 fiel der Duden auf die alte Formulierung zurück.

Die widersprüchliche Regelung wurde mit immer mehr Kasuistik angereichert und zog viele un-brauchbare Reformvorschläge nach sich, bis der Übergang zur konsequenten Dreifachsetzung gleicher Konsonanten und Vokale an der Kompositionsfuge im Zuge der Neuregelung sich als die einzig sinnvolle Lösung erwies, eine Regelung, die mit nur zwei Ausnahmen – dennoch und Mittag – bei bloß einer Falschmeldung (Drittel) fast ein Ruhmesblatt der jüngsten Reform darstellt.

The latest reorganization of the German orthography has finally led to intensive research and exact assessment of our German way of spelling. The dropping of the third consonant of the same kind posed a problem where compounds were joined together followed by a vowel (e. g. Kunststoffenster). If followed by a fourth consonant, however, all three consonants of the same kind meant correct spelling (e. g. Kunststoffflasche) also in case of syllable division (e. g. Kunststoff-fenster).

The paper in hand shows the development of the rules from the end of the 18th century up to the latest reform in length and also the effects it had on the real practice of spelling – (liability to mistakes!) – and on the confusion in pronunciation.

The omitting of the same third consonant was wrongly regarded as the true main rule. Only the 10th and the 11th editions of the Duden in the years 1929 and 1934 pointed at the fact that the three consonants were the rule and the dropping of one the exception. In 1941, however, Duden went back to the traditional wording.

This contradictory rule gradually became a concentration of casuistry and resulted in a number of inefficient reform proposals. The introduction of the systematic use of three consonants and vowels of the same kind where compounds are joined together is the rule now. This solution has proved to be wise and sensible and the only possible because there are only two exceptions – the words dennoch and Mittag – and there is only one false report and this is Drittel. This latest reform is a memorable one.

Claudio Di Meola: Präsens versus Futur I: Nähe und Distanz bei der Versprachlichung zukünftigen Geschehens

Die beiden Tempora Präsens und Futur I werden als zwei unterschiedliche kognitive Konzeptualisierungen zur Versprachlichung zukünftigen Geschehens interpretiert und auf die grundlegende Opposition Nähe/Präsens vs. Distanz/Futur zurückgeführt. Dabei werden fünf verschiedene Ebenen berücksichtigt: die temporale Ebene im engeren Sinne (Unmittelbarkeit), die aspektuelle (Kontinuität), die modale (Wahrscheinlichkeit, Planbarkeit, Reibungslosigkeit), die informationale (Direktheit der Quelle) und die kommunikativ-situative Ebene (Verbundenheit der Kommunikationsteilnehmer).

The two German tenses present simple morgen arbeite ich vs. future simple morgen werde ich arbeiten are interpreted as two different cognitive conceptualizations for expressing futurity and reduced to the basic opposition of proximity/present vs. distance/future along five dimensions: temporal in a strict sense (immediateness), aspectual (continuity), modal (probability, programmability, feasibility), informational (directness of source) and communicational/situational dimension (closeness of participants of communication).

Dominik Brückner: Etymologie versus Volksetymologie: Ein Fall für die Sprachkritik? Überlegungen am Beispiel »Habseligkeiten«

Die öffentliche Diskussion um das »schönste deutsche Wort«, in der häufig etymologische Hintergründe und die Rechtfertigung einer synchronen Remotivation einander gegenüberstanden, wird hier zum Anlass einiger Überlegungen zum Verhältnis von Etymologie und so genannter Volksetymologie genommen. Ziel ist es zu zeigen, dass das Verhältnis beider weit komplizierter ist als das einer Wissenschaft und einer Interpretationspraxis von Laien, die per definitionen ein falsches Ergebnis zeitigen muss. Der Beitrag plädiert für eine beidseitige Ergänzung zweier unterschiedlich motivierter Betrachtungsweisen.

The publicised discussion about the »most beautiful german word« which implied an argument of etymology versus synchronal remotivation is taken as an occasion to rethink the relationship between etymology and so called Volksetymologie. It is attempted to show that this relationship is much more complicated than commonly assumed, in any case exceeding that of a science and an interpretational practice of laypersons, doomed to fail because of a lack of expertise. Both cannot be turned against each other, but can only function as complements.

Constanze Spieß: »Solidarität« – zwischen Freiwilligkeit und Institutionalisierung. Eine pragmalinguistische Analyse eines Hochwertwortes in den aktuellen Grundsatzprogrammen von CDU, CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und PDS

Als Bezeichnung für einen in der Gesellschaft allgemein akzeptierten Grundwert ist Solidarität – neben Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortung – eines jener Hochwert- oder Symbolwörter, die von den politischen Parteien gern im öffentlich-politischen Diskurs verwendet werden. Die Bedeutung von Solidarität wird jedoch von den einzelnen Parteien durch jeweils spezifische Kontextualisierungen unterschiedlich bestimmt. Hinter dem Streit um die Bedeutungshoheit steht letztlich die Auseinandersetzung um unterschiedliche politische Konzepte. Der Beitrag möchte die je unterschiedliche Verwendungsweise, Bedeutungskonstitution und Konzeptualisierung von Solidarität in aktuellen Grundsatzprogrammen der Parteien untersuchen, auf sprachliche Manifestationen eingehen und deren argumentatives Potenzial nachzeichnen.

Besides Gerechtigkeit (›fairness‹), Freiheit (›freedom‹) and Verantwortung (›responsibility‹), Solidarität (›solidarity‹) is a generally and commonly accepted and established high-value word, which is often referred to in (public-)political discourse by all parties. Yet the meaning of Solidarität is defined differently by the single parties through specific respective contextualizations. The reason at the bottom of the dispute about souvereign meaning is the struggle for different political concepts. This contribution wants to analyse the respective different usage, different constitution of meaning and different conceptualization of Solidarität in current party programs. Furthermore, the respective actual linguistic manifestations and their argumentative potential shall be delineated.

Bertram Kazmirowski: »Nichts ist mit Worten vergleichbar« oder »Ich bin aus Worten«. Zu Elias Canettis 100. Geburtstag am 25. Juli 2005

Im Beitrag werden die heterogenen Einflüsse von Sprachen und Kulturen auf das schriftstellerische Werk von Elias Canetti (1905–1994) dargestellt und exemplarisch auf ihre identitätsstiftende Funktion untersucht. Es wird gezeigt, wie die unterschiedlichen Lebensstationen und Lebensumstände während der Kindheit Elias Canettis Mehrsprachigkeit (Altspanisch, Englisch, Französisch, Deutsch) hervorgebracht und die Grundlage für ein außergewöhnliches dichterisches Werk gelegt haben. Insbesondere wird auf die überragende Bedeutung der deutschen Sprache für Leben und Werk Elias Canettis eingegangen.

This article focusses on the many languages and cultures that influenced the literary work of Elias Canetti (1905–1994) and that shaped his identity as a multilingual European author. There is ample evidence that Canetti’s growing up in different countries and cultures (Bulgaria, England, Switzerland, Austria, Germany) is the basis for his outstanding literary production as an author who regarded himself as »made of words«. The main part of this article reflects the great impact the German language had on Canetti’s life and work.

Rezensionen

Karin M. Eichhoff-Cyrus (Hg.): Adam, Eva und die Sprache. Beiträge zur Geschlechterforschung.
Rezensiert von Jürgen Koppensteiner

Martin Neef: Die Graphematik des Deutschen.
Rezensiert von Christa Dürscheid

Oliver Stenschke: Rechtschreiben, Recht sprechen, recht haben – der Diskurs über die Rechtschreibreform. Eine linguistische Analyse des Streits in der Presse.
Rezensiert von Eberhard Ockel

Uwe Pörksen (Hg.): Die Wissenschaft spricht Englisch? Versuch einer Standortbestimmung.
Rezensiert von Günther Pflug

Deutsch Klasse und Beatrix Andree: Deutsch Klasse 1. Intensivkurs Deutsch als Fremdsprache. Lehr- und Übungsbuch mit integrierter CD.
Rezensiert von Seongho Son

Reinold Funke: Sprachliches im Blickfeld des Wissens. Grammatische Kenntnisse von Schülerinnen und Schülern.
Rezensiert von Eberhard Ockel

Helga Behme-Gissel: Deutsche Wortbetonung. Ein Lehr- und Übungsbuch.
Rezensiert von Eberhard Ockel

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09.02.2012, 18 Uhr, Freiburg
Prof. Dr. Uta Quasthoff, Dortmund
‚Von der Wiege bis zur Bahre . . .’ Vom Umgang mehrsprachiger und einsprachiger Menschen aus benachteiligten Milieus mit den (schrift-) sprachlichen Anforderungen von Behördenkommunikation

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24.02.2012, 16 Uhr, Kiew
Dr. Lutz Kuntzsch, Wiesbaden
Konrad Duden und sein Beitrag zur Normierung der deutschen Schriftsprache

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