Muttersprache 4/2007
Abstracts der im Heft enthaltenen Aufsätze
Horst Dieter Schlosser: verhüllen – verdrängen – beschönigen. Euphemismen im kulturellen Wandel
Die Funktionen des Euphemismus haben seit der Antike eine bedeutsame Gewichtsverschiebung erfahren. Spielte lange Zeit der Typus des verhüllenden Euphemismus eine wichtige Rolle, so ist in den beiden letzten Jahrhunderten der verschleiernde Typus immer wichtiger geworden. Gründe dafür sind die abnehmende Bedeutung von Tabubrüchen, die der verhüllende Euphemismus verhindern sollte, und der gewachsene Bedarf, unangenehme Themen in Politik und Wirtschaft zu beschönigen. Die politische Propaganda ist durch die Demokratisierung im Gefolge der Französischen Revolution wichtig geworden, die kommerzielle, inzwischen auch die wissenschaftspolitische Werbung nimmt seit der Industriellen Revolution einen immer breiteren Raum ein. Parallel zur Beschönigung politischer Sachverhalte hat die Propaganda auch den Gebrauch des Dysphemismus gefördert, durch den gegnerische Positionen dramatisierend stigmatisiert werden sollen.
Since the time of classical antiquity, the functions of euphemisms have experienced significant changes in their importance. Whereas, for a long time, the specific type of covering euphemisms has played an important role, the type of masking euphemisms has become more significant during the last two centuries. This can be explained with the decreasing importance of taboo breakings, which were expected to be prevented by covering euphemisms; another reason is the increasing need to prettify unpleasant subjects in politics and business. In the wake of the French Revolution, democratization has intensified political propaganda. Furthermore, since the industrial revolution, commercial, as well as »scientific-political« advertising has gained in importance. In addition to the prettifying of political facts, political propaganda has also promoted the usage of a contrary type, of dysphemisms, which vociferously stigmatize opposing views.
Hartmut E. H. Lenk: Wie wir Personennamen gebrauchen. Aspekte einer kontrastiven Onomapragmatik
Der Beitrag beschreibt detailliert die typischen Formen, in denen individuelle Personennamen und ihre Teile im Deutschen gebraucht werden, darunter die verschiedenen Bedeutungsvariationen von Artikelwörtern beim Individualnamen. An verschiedenen Stellen werden dabei Hinweise auf Gebrauchskonventionen in anderen europäischen Sprachen eingefügt. Der letzte Abschnitt thematisiert die funktional-pragmatischen Bedingungen des Gebrauchs individueller Personennamen.
The paper explains in detail the typical forms in which individual names and especially their different parts are used in German, including e.g. how the meaning of co-occurring articles can be interpreted. At some points different conventions in other European languages are mentioned. The last section deals with the functional-pragmatic conditions of usage of individual names.
Lech Zieliński: Ideologischer Kampf gegen gesamtdeutsche Elemente am Beispiel des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache von Ruth Klappenbach und Wolfgang Steinitz
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. wurde in der DDR eine Abgrenzungspolitik gegenüber der Bundesrepublik geführt, in deren Folge sich die DDR von der deutschen Nation verabschiedete. Die SED-Ideologen versuchten, den Bürgern eine neue Identität aufzuzwingen, in der das Deutschsein durch Sozialismus und dgl. mehr ersetzt wurde. Im Zusammenhang damit erfolgte eine Umbenennungswelle, die auf die Tilgung aller gesamtdeutschen Elemente abzielte und auch Lexika und Wörterbücher betraf. Die Redaktion des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache, die an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin in der Entstehungsphase begriffen war, wurde dazu angehalten, die bereits erschienenen drei Bände (bis Lyzeum) den neuen Vorstellungen der Machthaber anzupassen. Im Beitrag wird die jeweils erste Ausgabe der ersten drei Bände mit den späteren ideologisch angepassten Ausgaben verglichen und alle Änderungen präsentiert, die auf die Beseitigung der gesamtdeutschen Elemente abzielten.
In the 60s and 70s of the 20th century, it was German Democratic Republic’s policy to separate categorically from West Germany, which resulted in a yawning gap between GDR and the ideas of the German nation. The SED ideologists volunteered to create a new identity and imposed it on the society, where Germanism was replaced by socialism and Marx’ and Engels’ ideology. In these circumstances, the process of name-changing within the urban space took place. The gist of the process was to evict all elements of all-German character. A similar trend could be seen in the case of dictionaries and lexicons. The editors of Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (A Dictionary of Contemporary German), which then was being prepared in the German Academy of Sciences in Berlin, were obliged to introduce the necessary changes in the previous three volumes. This paper compares the first edition of the first three volumes with the ideologically changed editions, listing all the changes, the idea of which was to erase all all-German traces in entries and definitions.
Undine Kramer: Koordinierte Ungleichheit: Zum Zeugma bei Idiomen
Zeugmata oder semantische Syllepsen unterlaufen die Stabilität bzw. Fixiertheit von Idiomen und fokussieren auf einzelne Idiomkomponenten mit spezifischen strukturellen und semantischen Eigenschaften. Mit der Erwähnung dieser Komponenten wird im Text eine »idiomatische Erwartungshaltung« aufgebaut, die durch die Verknüpfung mit nicht zum Idiom gehörenden Wörtern durchbrochen wird. Anhand zahlreicher Corpusbelege werden verschiedene Typen und Effekte zeugmatischer Verknüpfungen mit Idiomen beschrieben und diejenigen Idiomkomponenten ermittelt, die zur Assoziation anregen und als zeugmatische Elemente fungieren können.
Zeugmata – semantic syllepses – undermine the stability or »frozeness« of idioms and direct the reader’s attention to individual idiom components and their particular structural and semantic properties. A reader encountering idiomatically bound components builds up an expectation of specific structure-meaning pairings. This »idiom expectation« is dashed when the idiom contains both idiom components and words that are not part of the idiom’s lexical make-up. On the basis of numerous corpus examples we discuss different types of zeugmatic constructions involving idioms and consider as to the question which idiom components can function as zeugmatic elements.
Samuel Camenzind: Der Apostroph
Gegenstand dieses Beitrages sind Form und Funktion(en) des Apostrophs. In einem ersten Teil werden sowohl typographische Überlegungen präsentiert als auch die Frage diskutiert, warum der Apostroph häufig mit verschiedenen Satz- und Betonungszeichen verwechselt wird (vgl. Andreas` Imbiss), ohne dass dies eine Irritation auf Seiten der Leser hervorrufen würde. Danach wird systematisch auf die vielfältigen Aufgaben dieses multifunktionalen Hilfszeichens eingegangen und gefragt, welche möglichen Faktoren für das derzeitige Aufkommen des Stammform-Apostrophs (vgl. Otto’s Warenposten) verantwortlich sein könnten. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den beiden Paragraphen 96 und 97 des amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung, die auf den Apostrophgebrauch Bezug nehmen. Nach einer kritischen Diskussion dieser Paragraphen werden hier, unter Berücksichtigung der Kritik von Theodor Ickler, einige Verbesserungsvorschläge vorgestellt, die die Gliederung der Paragraphen betreffen.
This paper examines form and function(s) of the apostrophe. The first part focuses on typographical aspects and discusses the question of why the apostrophe is regularly confused with several punctuation symbols and stress marks without any irritation on the readers‘ side (e.g. Andreas` Imbiss). Furthermore, I will analyze the various linguistic tasks of this multifunctional punctuation mark and suggest some conditions that might be responsible for the current hype of the stem-marking apostrophe (e.g. Otto’s Warenposten).
The second part focuses on paragraphs 96 and 97 of the »amtliches Regelwerk der Deutschen Rechtschreibung«, which regulates the apostrophe usage in the German language. After discussing these orthographical rules critically, I will conclude with some suggestions about how to improve the structure of these paragraphs, also taking Theodor Ickler’s criticism into consideration.
Rezensionen
Ulrich Ammon/Roswitha Reinbothe/Jianhua Zhu (Hgg.): Die deutsche Sprache in China. Geschichte, Gegenwart, Zukunftsperspektiven
Rezensiert von Eberhard Ockel
Albrecht Greule (Hg.) unter Mitarbeit von Sabine Hackl-Rößler und Gerhard Janner: Studien zu Sprache und Religion. Aktuelle Probleme der religiösen Kommunikation aus der Sicht Studierender
Rezensiert von Elżbieta Kucharska-Dreiß
Roya Moghaddam: Welche Bedeutung hat Geschlecht in Gesprächsinteraktionen. Eine empirische Studie zum universitären Sprachgebrauchsverhalten im Iran – Kontrastiv zu ausgewählten Untersuchungen des deutschsprachigen Raumes
Rezensiert von Eberhard Ockel
Wilfried Kürschner/Reinhard Rapp (Hgg.): Linguistik International. Festschrift für Heinrich Weber
Rezensiert von Eberhard Ockel
Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes
Rezensiert von Joachim Grzega
Wolfgang Mentrup: Stationen der jüngeren Geschichte der Orthographie und ihrer Reform seit 1933
Rezensiert von Gerhard Augst
