Fragen und Antworten
[?] Gelegentlich fällt der Ausdruck Schattenkabinett, doch wie ist er zu erklären? Die mir zugänglichen Nachschlagewerke vermerken nur die Bedeutung, etwa in dem Sinne, dass die parlamentarische Opposition für den Fall des Regierungswechsels verschiedene Personen für das künftige Kabinett bestimmt hat.
[!] In unserer Dokumentation zur Gegenwartssprache findet sich ein Beleg aus dem Jahr 1981, in dem darauf verwiesen wird, dass es im britischen Parlament seit Ende des 19. Jahrhunderts üblich sei, dass die jeweilige Opposition die Mitglieder ihrer Führungsmannschaft nach Ressortzugehörigkeit aufteilt und der Regierung als sog. Schattenkabinett gegenüberstellt (aus der Zeitschrift Das Parlament, 22/1981). Tatsächlich gibt es im Englischen den Ausdruck shadow cabinet: »a cabinet formed by Opposition leaders« (The Shorter Oxford English Dictionary, 1959), und der z. B. von Keith Spalding als Basis für Schattenkabinett angeführt wird (An Historical Dictionary of German Figurative Usage, 1991). So wäre Schattenkabinett als Anglizismus, als Lehnübersetzung zu betrachten.
Freilich gibt es einige angestammte Wörter mit ähnlicher Bedeutung, die sich ohne Beziehung zum Englischen darstellen: Lutz Röhrich nennt in seinem Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten (1991) den Schattenmann: »keine geachtete Persönlichkeit sein, einen Namen ohne Kraft, einen Titel ohne Macht führen, nicht für ›voll genommen‹ werden«, und im »Grimm«: Deutsches Wörterbuch (Band 8, 1893) finden sich u. a. Schattengröße: ›scheinbare, trügerische Größe‹, Schattenkönig: ›ein König nur dem Namen nach‹, Schattenkrieg: ›Scheinkrieg‹. (Zu hoffen wäre immerhin – diese unernste Nebenbemerkung sei erlaubt –, dass die Mitglieder eines Schattenkabinetts, die sozusagen noch im Schatten der Macht stehen, keinen »Schatten haben« und später nicht die »Schatten ihrer selbst« sind.)
In der Politologie übrigens wird offenbar, nach dem, was ich ermitteln konnte, in der Regel von Regierungsmannschaft gesprochen. Im Archiv der Gegenwart. Deutschland 1949–1999 (St. Augustin 2000) z. B. wird Schattenkabinett nur ein paarmal mit Blick auf die Jahre 1975, 1988, 1994 gebraucht, während Regierungsmannschaft viel häufiger ist; in der Presse allerdings kommt Schattenkabinett als bildhafter Ausdruck nicht selten vor. Manchmal findet sich auch die Formulierung, man wolle kein Schattenkabinett vorstellen, sondern eine Mannschaft (Regierungsmannschaft) bilden – Schattenkabinett wird also anscheinend als abwertend verstanden.
Schlagworte: Anglizismus, Etymologie, Fachsprache, Fremdwort, Neologismus, Sprachwandel

