Internationales Symposion
»English only? Was wird aus Deutsch und den anderen europäischen Sprachen?«
![]() |
Gesellschaft für deutsche Sprache
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sprachrat
und dem Goethe-Institut Brüssel
Tagungsbericht von Thomas Strobel und Lutz Kuntzsch
Am 6. und 7. November 2008 veranstaltete die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sprachrat und dem Goethe-Institut Brüssel das internationale Symposion »English only? Was wird aus Deutsch und den anderen europäischen Sprachen?«. Gefördert wurde das Symposion vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann. Die Tagung fand unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit in den Räumlichkeiten des Goethe-Instituts Brüssel statt. Am ersten Veranstaltungstag wurden alle Beiträge ins Französische und Niederländische bzw. ins Deutsche übersetzt.
Großes Interesse der Bevölkerung an (Mutter-)Sprache und wachsende Sensibilität der Politikerinnen und Politiker für Sprachfragen
![]() |
V. l. n. r.: Johan Häggman, Europäische Kommission, Mitglied im Kabinett bei Kommissar Leonard Orban, Dr. Edmund Duckwitz, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union, Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Vorsitzender der GfdS und des Deutschen Sprachrats, Prof. Dr. Angela Kolb, Justizministerin des Landes Sachsen-Anhalt; Foto: Frauke Rüdebusch |
Eröffnet wurde das Symposion unter der Beteiligung von mehr als 300 Teilnehmenden am Donnerstag, dem 6. November 2008, von Prof. Dr. Rudolf Hoberg, dem Vorsitzenden der GfdS und des Deutschen Sprachrats. In seiner Rede hob er einige wichtige aktuelle sprach- und kulturpolitische Aspekte des Tagungsthemas hervor. Prof. Hoberg konstatierte, dass sich eine wachsende Sensibilität von Politikerinnen und Politikern für Sprachfragen feststellen lasse, denen immer mehr bewusst werde, dass zurzeit entschieden wird, welche Rolle die deutsche Sprache in der Welt, in der Europäischen Union und in Deutschland selbst spielen wird. Nicht nur die Diskussionen um die Rechtschreibreform, um Anglizismen oder um einen angeblichen Sprachverfall trügen dazu bei, dass das Interesse der Bevölkerung an Sprachen und insbesondere an ihrer Muttersprache sehr groß sei. Wie schon Steven Pinker einleitend in seinem Bestseller Der Sprachinstinkt bemerkte: »Ich bin noch nie jemandem begegnet, der sich nicht für Sprache interessiert«.
Unverwechselbarkeit eines geeinten Europas durch seine sprachliche Vielfalt
Die kontinuierliche Beschäftigung der GfdS mit den zentralen thematischen Aspekten dieses internationalen Symposions, »Sprachenpolitik« und »Rechtssprache«, so Prof. Hoberg, zeige sich unter anderem in den GfdS-Tagungen der letzten Jahre in Berlin, Halle (Saale), St. Petersburg, Shanghai und – bereits 2001 – in Brüssel. Stets stünden dabei vor allem zwei sehr zentrale Sprachfragen im Mittelpunkt: einerseits die Rolle, die Deutsch und andere Sprachen in der Welt und in Europa angesichts der großen Dominanz des Englischen spielen, spielen werden und spielen sollen; andererseits Probleme der Rechtssprache, insbesondere deren Verständlichkeit und das Verhältnis der europäischen Rechtssprachen zueinander.
»Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung«
Johan Häggman, Kabinettsmitglied in der Fachgruppe des EU-Kommissars für Mehrsprachigkeit Leonard Orban, wies zunächst auf die Bedeutung des Griechischen, Lateinischen und heute des Englischen als Verkehrssprachen in Geschichte und Gegenwart hin, nicht nur für Wirtschaft und Handel. Sprache sei jedoch nicht nur unser wichtigstes Kommunikationsmittel, nicht nur ein Zeichensystem, sondern auch Ausdruck unserer Identität, einer bestimmten Kultur und Weltsicht, mit den Worten Wilhelm von Humboldts: »äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker«. Dies sei bereits den Gründungsvätern der Europäischen Union bewusst gewesen, weshalb das allererste europäische Gesetz vor 50 Jahren den Gebrauch der Sprachen regelte. Die Zahl der Amtssprachen sei seitdem jedoch von vier auf 23 gewachsen und die Stellung des Englischen habe sich weiter verstärkt. Eine »entschlossenere Politik der Mehrsprachigkeit« sei daher erforderlich: »Englisch allein genügt nicht«, so die Botschaft der Europäischen Kommission. Mehrsprachigkeit sei nicht nur das Schicksal, sondern auch der Reichtum, die »Trumpfkarte« Europas, wie es in der jüngsten Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen vom 18. September 2008 heißt.
Gegen eine »schleichende Zurückdrängung von Sprachen«
![]() |
Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens; Foto: Frauke Rüdebusch |
Am Beispiel Belgiens, in dem drei Amtssprachen herrschen, aber nur 0,7 % der Bevölkerung Deutsch spricht, verdeutlichte Karl-Heinz-Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, wie wichtig es sei, gegen eine »schleichende Zurückdrängung von Sprachen« einzutreten. Die große Herausforderung, zwei weitere Sprachen neben der Muttersprache zu beherrschen, solle zu einer strategisch wichtigen Aufgabe erklärt und als solche umgesetzt werden. Die wichtige »Trumpfkarte« der (sprachlichen) Vielfalt sei »ein Aushängeschild Europas« und müsse bewahrt werden, interkulturelle Kommunikationskompetenz müsse vermittelt werden. Die Subtilität des Verhältnisses von Sprache und Recht – und damit einen der beiden Schwerpunkte der Tagung, die deutsche Rechtsterminologie – exemplifizierte Lambertz abschließend anhand der Übersetzungsfrage für das französische Wort »Constitution«. In der flämischen Fassung »Grondwet« genannt, stehe man für die Bezeichnung der belgischen Verfassung im Deutschen prinzipiell vor der Wahl zwischen »Grundgesetz« und »Verfassung«. [weiter …]






